Was ist typisch spanisch? Alle Klischees im Check!

Ach ja, Spanien. Wo die Leute zu jeder Mahlzeit Sangria trinken und dann Flamenco tanzen, wo Unpünktlichkeit als Tugend gilt und überhaupt alles entweder Siesta oder Fiesta ist. So oder ähnlich sieht das Bild aus, das vielen spontan in den Sinn kommt, wenn sie an Spanien denken. Doch wie viele der Klischees über das beliebte Urlaubsland stimmen tatsächlich? Und welche höchstens zur Hälfte? Was ist denn nun überhaupt wirklich „typisch spanisch“? Unsere Autorin Katrin hat drei Jahre lang in Madrid und Andalusien gelebt und verrät euch – mit einem Augenzwinkern – aus eigener Hand, was an den Stereotypen so dran ist.


Inhaltsverzeichnis:

  1. Klischees über Spanien
  2. Welches Essen ist typisch spanisch?
  3. Was ist wirklich typisch spanisch?

typisch spanisch

Was ist dran an den Klischees über Spanien?

Klar, auch Spanier haben ihre Marotten. Doch vieles entpuppt sich bei genauerer Betrachtung dann doch nur als Vorurteil. Alle Klischees über Spanien gibt’s hier im Fakten-Check:

1. Klischee: Siesta – hat Spanien die Ruhe weg?

Typisch Spanisch ist für viele Nicht-Spanier die Siesta. Ein Wort, das uns den dortigen Lebensstil als sehr verführerisch erscheinen lässt. Das ist doch diese Zeit am Nachmittag, in der alle Spanier die Arbeit ein paar Stunden ruhen lassen und sich einen ausgiebigen Mittagsschlaf gönnen? Nun, ganz so einfach und bequem ist das Leben dort nicht.

Die Siesta, eine Mittagsruhe zwischen dreißig Minuten und zweieinhalb Stunden, genießt in den Sommermonaten zwar immer noch eine gewisse Tradition (und das nicht nur in Spanien, sondern auch in anderen südlichen Ländern), doch sie ist im Grunde ein Relikt vergangener Zeiten.

Wer schon mal einige Tage während des Hochsommers in Spanien verbracht hat, weiß, wie unerträglich die Hitze am Nachmittag sein kann. Nun stellt euch vor, ihr müsstet im Freien oder beengten Geschäftsräumen arbeiten. Das ist fast schon unmöglich. Hinzu kommt, dass sich sowieso nur wenige Kunden überhaupt rauswagen, wenn die Sonne am höchsten steht. Es macht also durchaus Sinn, das Geschäft für ein, zwei Stunden zu schließen oder sich in den Schatten zu legen.

Heutzutage erlebt ihr die Siesta im Arbeitsleben des Landes sehr selten, wenn es sich nicht gerade um physisch anstrengende Tätigkeiten handelt. In gut klimatisierten Büroräumen gibt es keinen Grund, die Mittagshitze zu fürchten. Damit die Siesta überhaupt stattfinden kann, muss sie natürlich arbeitsrechtlich reglementiert sein.

Die ausgiebige Nachmittagspause bedeutet dann übrigens nicht, dass die Spanier damit in den Genuss kürzerer Arbeitszeiten kommen. Der Arbeitstag endet dann eben entsprechend ein paar Stunden später. Mehr Schlaf gibt es also nicht, die Ruhestunden werden nur anders verteilt.

2. Klischee: Spanier sind unpünktlich

Für Spanien typisch soll auch die Unpünktlichkeit sein – ein grausiger Gedanke für uns Deutsche, die alle natürlich ausnahmslos überpünktlich sind. Ihr merkt schon, auch hier geht es eher in Richtung Klischee.

Fest steht: Verabredet ihr euch in der Gruppe für 21 Uhr in einer Bar, dann ist es gut möglich, dass ihr um Punkt 21 Uhr der oder die Einzige vor Ort seid und der Rest erst in den nächsten dreißig Minuten nach und nach eintrudelt. Seid ihr nur mit ein oder zwei Personen verabredet, betrachtet man eine solche Verspätung als immer noch akzeptabel, allerdings würde die Person sich zwischendurch auch mal melden und diese ankündigen.

In der spanischen Arbeitswelt habe ich das so erlebt: Während für viele Deutsche fünf Minuten vor der Zeit die Pünktlichkeit beginnt, sehen die meisten Spanier fünf Minuten danach immer noch als pünktlich an. Manchmal vielleicht auch zehn. Das hängt natürlich aber auch davon ab, wie gelassen der Arbeitgeber das Thema nimmt. Die Spanier mögen es halt gemütlich – doch unzuverlässig sind sie deswegen nicht.

Von wegen notorische Zuspätkommer: Dass Spanien es auch sehr genau nehmen kann mit der Uhrzeit, habe ich bei Kinos und ähnlichen Aufführungen am eigenen Leib erlebt: Beginnt die Vorstellung um 20:00 Uhr, dann kommt um 20:05 Uhr keiner mehr rein, damit die Zuschauer nicht gestört werden.

3. Klischee: Ist der Stierkampf noch immer typisch spanisch?

Das rituelle Töten von Kampfstieren ist eines der bekanntesten und wohl auch das kontroverseste Merkmal Spaniens. Es ist aber nicht so, dass nur Ausländer kritisch auf diese blutige Tradition blicken. Die Landesbewohner selbst geraten regelmäßig deswegen aneinander. Als typisch für Spanien betrachten das Spektakel längst nicht alle. Die politischen Parteien kriegen sich immer wieder in die Wolle, wenn es darum geht, Stierkämpfe abzuschaffen: Konservative verteidigen den Stierkampf als Kulturgut, Liberale stemmen sich gegen dieses (ihrer Ansicht nach) vorzeitliche Relikt.

Der aktuelle König Felipe VI. meidet die Arenen und fast jede Show hat zur Folge, dass Aktivisten vor den Toren protestieren. Die Kanarischen Inseln waren die Ersten, die ein generelles Verbot aufstellten, Katalonien versucht dies ebenfalls durchzusetzen. Derweil hat die junge Generation des Landes wenig für die umstrittene Tradition übrig. Sie hat stattdessen Fußball zu ihrem Kulturerbe erklärt.

Touristen, die Spanien besuchen, sind meistens entweder von vornherein dagegen, eine Show in den Arenen zu besuchen, anderen beschließen sich das Ganze doch zumindest einmal anzusehen.

4. Klischee: Typische Spanier tanzen rund um die Uhr Flamenco

Mit dem Flamenco ist es ein bisschen so wie mit dem Oktoberfest und bayerischer Tracht in Deutschland: In den Medien sieht es manchmal so aus, als würde das ganze Land tagtäglich in Lederhosen und Sauerkraut essend mit Bierkrug im Arm herumlaufen, dabei handelt es sich eigentlich um eine rein regionale Angelegenheit.

Typisch für Spanien ist auch der Flamenco

Der rhythmische und sehr emotionale Flamenco-Tanz stammt aus dem südlichen Andalusien. Zwar habt ihr auch in anderen Regionen die Möglichkeit, Flamenco-Shows zu sehen oder den Tanz zu erlernen, doch im großen Stil zelebriert wird er eben nur im Süden. Nicht jeder Spanier saß schon mal in einer solchen Show und erst recht liegt nicht jedem dieser Tanz im Blut, egal ob Südländer oder nicht. Der Flamenco ist nämlich ganz schön kompliziert.

Welches Essen ist typisch spanisch?

Gazpacho oder Paella? Eigentlich weder noch, wenn es darum geht, welches das spanische Nationalgericht schlechthin ist. Wobei sich die kalte Tomatensuppe Gazpacho, ein andalusisches Gericht, landesweiter Beliebtheit erfreut. Sie ist schließlich einfach zuzubereiten und sehr schmackhaft im heißen Sommer. Die Reispfanne Paella stammt derweil ursprünglich aus Valencia und je nach dem, wo genau ihr euch in Spanien aufhaltet, enthält sie keine Meeresfrüchte, sondern stattdessen Geflügel, Gemüse oder gar Schnecken.

Typisch spanisch ist eine Paella

Das Gericht, das im ganzen Land einheitlich verbreitet und wirklich überall erhältlich ist, nennt sich Tortilla Española. Ein dickes Omelette mit Kartoffelstücken und oftmals Zwiebeln gefüllt. Sie steht auf fast jedem Menü und nicht selten erhaltet ihr ein kostenloses Stück als „tapas“.

Überhaupt tapas – was genau sind die eigentlich und sind sie wirklich umsonst? Tapas ist eher ein Konzept als ein Gericht. Es handelt sich um eine Kleinigkeit zu Essen, die kostenlos zu einem Getränk (egal ob alkoholisch oder nicht) gereicht wird. Das kann von einer Schale Chips über ein paar Scheiben Manchego-Käse und Chorizo-Wurst mit Weißbrot bis hin einem randvollen Teller frittierter Meeresfrüchte alles Mögliche sein.

Stellt man euch diese Appetithäppchen (die manchmal schon ein halbes Abendessen darstellen) hin, dann sind sie tatsächlich völlig kostenfrei. In manchen Bars dürft ihr euch sogar direkt aussuchen, welche tapas mit eurem Getränk kommen sollen. Da mit jeder Getränkerunde eine neue Portion tapas erscheint, ziehen sich gemeinsame Abende meist länger hin als geplant, weil es einfach gerade so schön lecker und gesellig ist.

Von Ajo bis Zumo – Streifzug durch die Küche der Kanaren

Apropos Getränke – wie verhält es sich mit der berühmten Sangria? Glaubt man den Bildern wilder Partys auf Mallorca, wird das Getränk mit mehreren langen Strohhalmen direkt aus einem Eimer literweise getrunken. So was erlebt ihr aber (wenn überhaupt) wirklich nur an den einschlägigen Party-Hotspots Mallorcas – und selbst dort ist es mittlerweile offiziell verboten.

Dieses Klischee-Bild wird weder den Spaniern noch dem köstlichen Drink gerecht. Der Sangria ist bei Weitem kein „Sauf-Getränk“, sondern eine sorgfältig zubereitete Spezialität für heiße Sommertage. Frische, saftige Früchte und trockener Rotwein sind die Grundzutaten, die mindestens zwei Stunden lang ziehen müssen, um dann eiskalt serviert zu werden. Je nach Ort werden noch verschiedene Fruchtsäfte und Liköre hinzugefügt.

Sangria ist sehr typisch für Spanien

Letztendlich kommt Sangria unter Einheimischen auch verhältnismäßig selten zum Einsatz. Es sind eher die Touristen, die stets danach fragen.

Das sind die echten Partydrinks: Trinken um des Trinken willens geht in Spanien übrigens viel einfacher, ohne Früchte schnippeln und stundenlanges Ziehen: Cola mit preiswertestem Rotwein mischen, fertig ist das pappsüße Getränk, bei dem man die Drehzahl erst spürt, wenn sie schon im Rollen ist. In Südspanien entsteht durch Sherry und Zitronenlimonade ein ähnliches Partygetränk.

Was ist wirklich typisch spanisch?

Darüber hinaus gibt es noch Eigenheiten, die wir ebenfalls stark mit dem sonnigen Land verbinden – und die auch wirklich typisch spanisch sind:

1. Spaniens Fiestas

Es stimmt, Spanien stürzt sich gerne in Feierlichkeiten und macht dabei die verrücktesten Dinge. La Tomatina nennt sich das jährliche Spektakel in Valencia, bei dem große Trucks befüllt mit überreifen Tomaten anrollen, die an mehrere Tausend Besucher ausgegeben werden. Die liefern sich damit eine Schlacht, bis der Tomatensaft in Strömen durch die Straßen rinnt. Ein Spaß, der hauptsächlich Touristen anzieht – wer es einmal erlebt hat, dem reicht diese eine Erfahrung in der Regel.

Lasst euch gesagt sein, dass die ersten Minuten der La Tomatina durchaus lustig sind, zumindest bis man merkt, wie arg Tomatensaft tatsächlich im Auge brennt. Tomatenstückchen aus längeren Haaren später herauszuwaschen, ist außerdem fast ein Ding der Unmöglichkeit, trotz hilfsbereiter Anwohner, die mit Gartenschläuchen bereitstehen.

Auch von Sanfermines, bei dem der Schutzheilige Firmin gefeiert wird, habt ihr bestimmt schon gehört oder zumindest die Bilder gesehen, bei denen mehrere Stiere und jede Menge Leute durch enge Straßen stürmen. Dabei ist dieser Part nur ein Teil des Fests. Musikanten und Theateraufführungen gehören neben gutem Essen ebenso dazu.

Der Stierlauf, bei dem sechs Stiere rund 800 Meter auf die ansässige Arena zulaufen und bei dem Waghalsige (erkennbar am roten Halstuch) versuchen, direkt vor den Tieren herzurennen, ist ähnlich umstritten wie der Stierkampf selbst. Auch deshalb, weil es regelmäßig zu zahlreichen schweren oder gar tödlichen Verletzten kommt – wenig überraschend, wenn man mit einem gehörnten Rind um die Wette läuft, das fast eine halbe Tonne Gewicht auf die Waage bringt und gerade äußerst aggressiv ist.

Innerhalb des Landes habt ihr das ganze Jahr über die Möglichkeit, noch an allerlei weiteren Festivitäten teilzunehmen, bei denen Mehl, Wein oder Wasserbomben durch die Straßen fliegen.

Es gibt aber auch genügend „normale“ Feste, bei denen die spanische Lebensfreude so richtig zur Geltung kommt und man einfach mit Freuden die Nächte durchfeiert. Die Stadtfeste San Isidro und La Paloma locken mit Musik und Tanz in den Straßen sowie lokalen Köstlichkeiten und bester Stimmung bis zum Morgengrauen.

2. Was ist sonst noch so dran an spanischen Klischees?

Betretet ihr vor Ort zum ersten Mal eine Bar oder ein Restaurant, dann nicht erschrecken: Die Lautstärke ist normal. Spanier scheinen sich konstant anzubrüllen und durcheinander zu reden, aber da steckt kein Streit dahinter. Das ist einfach typisch Spanien, laut und lebenslustig.

Herzlichkeit ist sehr typisch für Spanien

Seid ihr der Sprache mächtig, folgt schnell die nächste Bestürzung: Da fliegen einem manchmal ganz schön heftige Ausdrücke um die Ohren. Doch auch hier müsst ihr nicht fürchten, dass es sich um schlechte Laune oder wütende Diskussionen handelt, im Gegenteil. Spanier gehen sehr freizügig mit Kraftausdrücken, auch um Freude oder Begeisterung auszudrücken.

Spanische Kellner blicken einen außerdem oft ungläubig an, wenn man in der Runde nach getrennten Rechnungen fragt. Verwirrte Blicke erntet ihr ebenfalls, wenn ihr versucht schon um 18 oder 19 Uhr das Abendessen vorzuschlagen. Das findet dort frühestens um 20 Uhr statt, nicht selten erst um 22 Uhr.

Dass Spanier sehr familienverbunden sind, kann vor allem jeder bestätigen, der dort ein paar Hochzeiten beigewohnt hat. Sämtliche Cousins dritten Grades, alle Urgroßtanten – hier ist einfach jeder mit dabei. Gerade der Neujahrsabend ist übrigens ein sehr familiäres Fest in Spanien. Getrennt nach Gusto feiert man meist erst nach dem Glockenschlag.

Land der Herzlichkeit: Ausgiebige Umarmungen und Wangenküsse gehören für Spanier tatsächlich selbst außerhalb der Familie dazu, nicht allerdings bei förmlichen Treffen. Kein Vorstellungsgespräch beginnt mit einem Schmatzer auf die Wange und auch neue Kollegen stellen sich euch so nicht vor.

Ihr seht, in vielen Spanien-Stereotypen steckt ein Funken Wahrheit. Vieles ist mittlerweile aber überholt und selten so krass, wie der Urlauber sich das vorstellt.

Für mich persönlich sind die schönen und typischen Dinge am Leben in Spanien das sonnige Gemüt, die Herzlichkeit und die Spontanität, mit der man sich auch nach einem langen Arbeitstag noch zu einem „schnellen“ Getränk in einer fröhlich-lauten Bar einfindet – und dank köstlicher tapas dann doch wieder mehrere Stunden lang den Abend zelebriert. Wenn man dann am nächsten Tag deswegen etwas spät dran ist, wird einem das zum Glück gerne nachgesehen.

In diesem Sinne: Olé! Und wenn ihr mehr über das sonnige Spanien erfahren wollt, dann lest hier unsere besten Reisetipps!

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Welche Erfahrungen habt ihr mit spanischen Klischees so gemacht?

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