Deutsch-türkische Freundschaft: „Es geht um Menschen, nicht um Nationen“

Deutsch-türkische Freundschaft: Da denkt man doch zuerst an die Beziehung beider Länder zueinander. Doch tatsächlich verbirgt sich hinter diesem Begriff viel mehr: die tiefe, über Jahrzehnte gereifte Bindung von Menschen untereinander. Und damit haben wir uns im Folgenden näher auseinandergesetzt.

Etwa drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben in Deutschland, teilweise schon in der zweiten und dritten Generation. Genau dieses Zusammenleben, wenn also aus dem Neben- ein Miteinander wird, baut zwischen zwei Nationalitäten nicht nur Toleranz, sondern gegenseitigen Respekt auf. Und hat natürlich auch Freundschaften zur Folge. Der Vertiefung der auf persönlicher Ebene stattfindenden Beziehungen widmet sich die Deutsch-Türkische Freundschafts-Föderation e.V. (DTF), der Dachverband der Deutsch-Türkischen Freundschaftsvereine. Ein Vorhaben, das sonnenklar.TV unterstützt:

Cihan Sendan (DTF-Vorsitzender) im Interview

Anlässlich des 60. Jubiläums der deutsch-türkischen Freundschaft haben wir uns einmal genauer mit dem Thema Freundschaft auseinandergesetzt. Unser Moderator Jan Kunath war zu Besuch bei Cihan Sendan, dem Vorsitzenden der DTF und hat nachgefragt, was Freundschaft im Allgemeinen und natürlich auch im Speziellen zwischen zwei Nationen ausmacht.

„Ich bin mit einem Menschen befreundet, nicht mit einer Nation“

Cihan Sendan

Cihan Sendan

Für ihn rückt bei dieser Frage die Nationalität in den Hintergrund. Denn von zwei Freunden ist der eine zufällig Deutscher, der andere Türke – und so entsteht eben eine deutsch-türkische Freundschaft. Sendan bestätigt: „Ich bin mit Menschen befreundet, weil ich sie mag, weil ich sie verstehe und ihnen vertraue. Man sollte Freundschaft nicht auf Nationen beziehen, sondern auf Menschen. Woher sie kommen, ist eher zweitrangig.“

Sendan erzählt Jan, dass er als gebürtiger Anatolier schon sehr lange in Deutschland lebt und deshalb auf viele positive Erlebnisse in Bezug auf die deutsch-türkische Freundschaft zurückblicken kann. So hat er beispielsweise seine besten Freunde in Deutschland gefunden. Generell wurde er von Anfang an sehr freundlich und offen aufgenommen – obwohl er damals noch kein Deutsch sprach. Behilflich dabei war vermutlich seine Liebe zum Fußball – ein bindendes Glied über Nationen hinweg.

„Die Föderation will Positives sichtbar machen“

Sendan erklärt, dass die Gründung der deutsch-türkischen Vereine einen traurigen Hintergrund hat. Denn seit 1991 hätte es mehrere rechtsradikale Übergriffe auf die türkische Bevölkerung gegeben. Der damalige Bundespräsident Johannes Rau hätte sich daraufhin eingeschaltet und gefordert: „Wir müssen etwas tun!“ Der Grundstein für die Gründung der Freundschaftsvereine war gelegt. Mit großem Erfolg: Denn die Föderation besteht laut Sendan mittlerweile aus elf Vereinen, um auch auf Landesebene über das Thema sprechen zu können und Positives überall in Deutschland sichtbar zu machen. Der Vorsitzende betont: „Koexistenz funktioniert, man muss sie nur sichtbar machen.“

Jan interessiert natürlich auch, was Sendan dazu bewogen hat, in den Verein einzutreten und aktiv am Vorhaben mitzuarbeiten. Die Antwort leuchtet ein: „Ich fand die Arbeit des Vereins gut und wollte bei den Veranstaltungen dabei sein. Ich wollte meinen Beitrag leisten, denn mich hat gestört, dass in der Öffentlichkeit nur über negative Themen oder Problemen gesprochen wurde. Dagegen wollte ich etwas tun.“ Doch der Vorstandsposten der Föderation selbst sei keine bewusste Entscheidung gewesen: „Ich bin in diese Position hereingerutscht.“

Die Aufgabe der Vereine scheint klar, aber welche Veranstaltungen oder Aktivitäten plant man da? Sendan weiß Bescheid: „Kunst, Kultur und Soziales – aber ohne Parteipolitik. Wir haben viele musikalische Veranstaltungen. Einige davon zwar auch mit politischen Inhalten, aber die gehen eher in die Richtung Zusammenleben, Migration und Integration. Wir leisten auch viel Bildungsarbeit.“ Wer arbeitet, muss aber auch feiern: „Wir feiern zusammen sowohl türkische als auch deutsche Feiertage wie Weihnachten, Ostern, das türkische Kinderfest oder die Republiksgründung. Außerdem unternehmen wir viele Reisen zusammen.“

„Liebe ist irrational“

Jan merkt schnell: Der DTF ist Sendans Herzensangelegenheit. Und der erklärt auch, warum: „Man denkt sich manchmal, das macht alles keinen Sinn, aber Liebe ist nun einmal irrational. Ich liebe Frieden, Deutschland und meine anatloische Herkunft. Und durch meine Arbeit kann ich diese Dinge miteinander verknüpfen und meinen Beitrag leisten. Denn man darf sich von politischen Umständen eine gute zwischenmenschliche Beziehung nicht kaputtmachen lassen.“

Das Interview mit Cihan Sendan seht ihr hier im Video:

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