Auf geht’s auf d’Wiesn – eine Expedition auf das größte Volksfest der Welt in vier Teilen. Heute: Von der Tradition.

So langsam neigt sich die Wiesn ihrem Ende zu, ein langes Wochenende noch, dann ist es vorbei mit ihrer Herrlichkeit. Dann heißt es wieder ein Jahr warten. Das gehört zur Wiesn wie das Bier, die Mandeln, die Lebkuchenherzen und der Altweibersommer: Wehmütiger Abschied und langes darauf hin Sehnen. Das ist gelebte Münchner Tradition. Überhaupt ist Tradition natürlich ein wichtiges Thema auf der Wiesn, schließlich ist sie ein altehrwürdiges Volksfest. Da beschwert man sich gerne über die verschwindende Tradition, da hält man das wenige „Unveränderliche“ hoch. Nur: Was ist denn eigentlich Tradition auf der Wiesn? Gut, der Schichtl, sicher. Immerhin ist er schon seit 1869 auf der Wiesn und seit 1872 werden dort Leute enthauptet.

 

Helden der Sonne

 

Womit wir beim vierten und letzten Teil von „Helden der Sonne“ auf der Wiesn wären. Aber seht selbst:

 

 

1872 wird es Menschen gegeben haben, wir Münchner nennen sie Grantler, die damals geschimpft haben dürften über diesen neumodischen Kram mit einer Trick-Guillotine, der doch auf unserer Wiesn nichts verloren hat. Oder dass die Wiesn immer mehr zur riesigen Party verkomme, darüber gibt es seit Jahrzehnten Klagen – und trotzdem wird es dann auch von so Manchem für falsch befunden, dass dem Party-Zelt Hippodrom nun der Marstall nachfolgte, denn der hat ja schließlich keine Tradition!

 

Oktoberfest München - Bierzelt: Pferde der Quadriga Marstall

Wären die Pferde nicht ganz so strahlend weiß, man könnte sie fast für altehrwürdig halten – dabei sind sie nagelneu.

 

Oder die Sache mit der Tracht: Ist das Mode oder ist es Tradition? Vor zwanzig Jahren gab es auf der Wiesn zwei Gruppen, die Tracht trugen: Urige, alte Münchner und Touristen. Die Münchner zwischen 20 und 50 Jahren aber trugen keine Tracht. Heute tragen fast alle Dirndl oder Lederhosen, heute wird darüber philosophiert, wie lang ein Dirndl sein muss, um als traditionelles Dirndl durchzugehen. Dabei ist kaum eines der Dirndl, fast keine der Lederhosen, die da getragen werden, eine traditionelle Tracht. Die sieht man eigentlich nur am ersten Sonntag beim Trachtenumzug – und ehrlich, da sind Trachten dabei, die würde kaum einer der Wiesn-Gänger freiwillig tragen.

 

Mit dem Dirndl auf die Wiesn - Oktoberfest München

Der Kopf ist noch dran und ein Dirndl trägt sie auch – wie inzwischen fast alle Besucherinnen der Wiesn.

 

Auch die Sache mit den Schleifen an den Dirndlschürzen ist nicht so alt, so traditionell, wie immer wieder behauptet. Deswegen gibt es ja auch immer wieder Menschen, die da nicht so recht wissen, was das bedeutet – der Autor dieser Zeilen zum Beispiel konnte es sich jahrelang nicht merken. Aber weil es inzwischen Tradition geworden und auch einfach praktisch ist: Schleife rechts (von der Trägerin aus gesehen) heißt, die Dame ist vergeben, Schleife links heißt, sie ist frei, hier darf man sein Glück versuchen.

 

das Teufelsrad auf dem Münchener Oktoberfest: Tradition seit vielen Jahren

Auch das Teufelsrad hat eine lange Tradition – und es zieht noch immer Besucher an, sonst wäre es nicht mehr da.

 

Tradition auf der Wiesn, Tradition im Allgemeinen, das ist halt das, was sich über eine längere Zeit durchsetzt, weil es den Leuten gefällt. Und das ändert sich auch immer wieder und das ist nicht schlimm. Vor allem nicht auf der Wiesn, denn hier wird eben immer noch eine alte bayerische, eine alte Münchner Tradition hochgehalten, auch wenn Mancher dazu grantelt: Leben und Leben lassen.

In diesem Sinne: Viel Spaß auf der Wiesn! Und wenn nicht in diesem Jahr, dann halt im nächsten.

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